2.Platz Audio: „Wir werden uns nicht beschweren, aber…“

Laudatio 2018

 

Ein Bürgermedienpreis bewegt sich in einem Spagat. Die Qualität eines Beitrags soll gewürdigt werden, WOHLWISSEND, dass er in einem Umfeld entsteht, dass sich von dem öffentlich-rechtlicher oder privater Rundfunksender unterscheidet. Die Qualität von Beiträgen ist schwankend und darf schwanken, da sich Menschen hier auch ausprobieren DÜRFEN.

 

Was ich in Bürgermedien selten antreffe sind Sarkasten, Zyniker oder Mainstreamjournalisten. Ich sage dies in dieser Deutlichkeit, da wir noch immer unter dem Phänomen des Glaubwürdigkeitsverlustes bei GroßMedien leiden, denen allzu oft Parteilichkeit vorgeworfen wird.

 

Ich spreche hier nicht von Lügen- oder Lückenpresse, ich spreche hier von Räumen, in denen zu oft nicht die Realität abgebildet wird, sondern mit einer Hypothese von Realität ans Werk gegangen wird und dann Beiträge entstehen, die den Wohlmeinenden Balsam auf die Seele und den Kritikern Wasser auf die Mühlen liefert.

 

Wir werden uns nicht beschweren, aber…

 

So ist das Feature von Lars-Hendrik Setz und Julien Reimer übertitelt, das den Antisemitismus in Leipzig untersucht.

 

Wir werden uns nicht beschweren, aber…klingt für mich wie: „Ich habe nichts gegen Juden, aber…“ vielleicht beabsichtigt, ich weiß es nicht.

 

Setz und Reimer begeben sich auf Spurensuche vor der eigenen Haustür und sprechen mit Menschen. Mit Menschen jüdischen Glaubens, mit Unterstützern. Sie befragen sie, sie recherchieren antisemitische Übergriffe, sie zitieren bundesweite Umfragen zur Einstellung der nicht-jüdischen Bevölkerungsmehrheit.

 

Sie arbeiten mit Interviews, O-Tönen, Collagen, Off-Sprecherinnen und Sprechern. Sie werten nicht, sie beschreiben, sie lassen Sätze stehen und laden die Zuhörerinnen und Zuhörer zum Mitdenken ein. Alles technisch auf höchstem Niveau, hervorragend abgemischt, mit begleitender Musik unterlegt.

 

Gerade die dichte und doch nüchterne Beschreibung, fern jeder Hysterie oder Manipulation ist beeindruckend und bedrückend. Hier nimmt mich jemand mit und lässt mich schauen und hören, belehrt mich aber nicht.

 

Was sagt die nicht-jüdische Unterstützerin der Leipziger Gemeinde zur Ignoranz gegenüber dem Phänomen Antisemitismus, der uns in seiner ganzen Facettenhaftigkeit vorgestellt wird: „Wenn man nichts wissen will, wird man auch nicht danach fragen.“

 

Was sagt der Rabbi, dem auch das Geheimrezept fehlt: „Antisemitismus ist ein Bakterium. Manchmal werden die falschen Antibiotika eingesetzt. Dann verstärken sie das Problem. Wir haben keine Idee, wir haben nur Versuche.“

 

Wir werden uns nicht beschweren, aber…(so heißt es am Ende)

…wir können auch nicht schweigen.

 

Der Preis geht an eine Perle eines gelungenen Radio-Features, den ich so auch im DeutschlandFunk hören würde. Die beiden Macher zeigen exemplarisch, dass Bürgermedien schon immer ein guter Ort des Ausprobierens und der Entwicklung waren. Hier ist es das Studierendenradio Mephisto aus Leipzig. Julien Reimer arbeitet zur Zeit journalistisch in Zürich. Lars-Hendrik Setz arbeitet für verschiedene Redaktionen und macht auch dort seinen Weg.